Samstag, 10. Oktober 2026

Die Medien brauchen keine Zeitmaschine.

 


Die Medien brauchen keine Zeitmaschine. Die können sich auch so, blitzschnell in jede Zeit zurückversetzen und sich dementsprechend anpassen. 

Es ist faszinierend – und gleichzeitig erschreckend –, wie leichtfüßig und ohne jedes Anzeichen von Orientierungslosigkeit dieser Zeitsprung oft gelingt.

Was heute noch als unumstößlicher Fortschritt, unumstößliche Moral oder absolute Gewissheit verkauft wird, kann morgen schon mit der gleichen rhetorischen Inbrunst ins Gegenteil verkehrt werden. Und das Erstaunlichste daran ist die absolute Nahtlosigkeit: Es gibt selten eine Phase des Nachdenkens, des Zögerns oder gar des Eingestehens von Irrtümern. Die Fahne wird nicht nur in den Wind gehängt – der Masten wird einfach blitzschnell neu ausgerichtet, so als hätte er schon immer genau so gestanden.

Diese mentale Flexibilität hat fast etwas Chamäleonartiges:

Geschichtsrevisionismus in Echtzeit: Vergangene Standpunkte verschwinden nicht einfach, sie werden retroaktiv umgedeutet.

Der Reiz der Welle: Statt Standfestigkeit regiert die schnelle Welle. Wer sich am schnellsten anpasst, surft ganz oben – völlig unabhängig davon, in welches Jahrzehnt oder in welche Denkmuster man dabei gedanklich zurückfällt.

Das kollektive Gedächtnis der Eintagsfliege: Weil die Taktrate der Meldungen so hoch ist, verblasst das "Gestern" so schnell, dass der abrupte Haltepunktwechsel kaum jemandem auffällt.

Es zeigt wohl recht deutlich, dass Medienapparat und Zeitgeist oft ein Verwirrspiel spielen: Nicht die Fakten diktieren die Zeitreise, sondern die Anpassungsfähigkeit an das, was gerade den größten Widerhall verspricht.

Freitag, 9. Oktober 2026

Das einfache Volk hat noch nie einen Krieg begonnen.


Das einfache Volk hat noch nie einen Krieg begonnen. Es wurde nur immer in den Kampf befohlen.

Eine gewichtige Wahrheit, die die Geschichte menschlicher Konflikte treffend zusammenfasst.

Ob in der Antike, im Mittelalter oder in der Moderne: Die Entscheidungen über Krieg und Frieden wurden fast ausnahmslos in den Palästen, Kabinetten und Machtzentralen getroffen – von Herrschern, Politikern und Eliten, die selten selbst an vorderster Front stehen mussten.

Für das einfache Volk bedeutete der Krieg meist nie Gewinn, sondern schlicht Überleben, den Verlust von Haus und Hof und das opfern des eigenen Lebens für die Ambitionen anderer. Es waren stets die gewöhnlichen Menschen, die den Preis für die Machtspiele, Territorialansprüche und Ideologien der Machthaber zahlen mussten.

Gleichzeitig macht diese Erkenntnis aber auch die verhängnisvolle Dynamik der Geschichte deutlich: Auch wenn das Volk den Krieg nicht beginnt, so ist die Fähigkeit von Herrschenden, Menschen durch Propaganda, Furcht oder falschen Patriotismus für ihre Zwecke zu mobilisieren, seit jeher das Werkzeug, mit dem Kriege überhaupt erst geführt werden können.

Dienstag, 6. Oktober 2026

Die Ukraine vor 2022: Französische Journalistin dokumentierte einen Krieg

 

Die Ukraine vor 2022: Französische Journalistin dokumentierte einen Krieg, der im Westen kaum zu sehen war



Ein Dokumentarfilm der französischen Journalistin Anne-Laure Bonnel über den Krieg im Donbass wird derzeit erneut massenhaft in den sozialen Medien geteilt. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2016 – sechs Jahre vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine – und zeigen eine Realität, die in der späteren westlichen Berichterstattung über den Konflikt weitgehend in den Hintergrund rückte.

Bonnel reiste selbst an die Front im Osten der Ukraine. Sie sprach mit Bewohnern, Ärzten, Soldaten und Augenzeugen und dokumentierte die Folgen eines Krieges, der nicht erst am 24. Februar 2022 begann.

Ein Krieg, der bereits 2014 begann

Der bewaffnete Konflikt im Donbass begann 2014. Nach dem Machtwechsel in Kiew eskalierte die Lage im Osten des Landes. Pro-russische Milizen und ukrainische Regierungstruppen standen sich in einem blutigen Krieg gegenüber, der in den folgenden Jahren mehr als zehntausend Menschen das Leben kostete.

Am 14. November 2014 machte der damalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko in einer Rede in Odessa deutlich, wie tief die Spaltung des Landes inzwischen geworden war. Der von Separatisten kontrollierte Osten wurde faktisch immer stärker vom übrigen Land isoliert.

Bonnels Dokumentation setzt genau dort an.

Wenn diese Seite gelöscht wird, hier der Inhalt 

Menschen leben monatelang in Kellern

Ihre Kamera zeigt keine geopolitischen Planspiele, sondern den Alltag der Menschen im Kriegsgebiet.

Bewohner berichten davon, monatelang ohne Wasser und Strom in Kellern gelebt zu haben. Ein Arzt aus Pervomajsk schildert den täglichen Beschuss und spricht von Treffern auf Krankenhäuser, Schulen und Wohngebiete.

Auch Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen kommen zu Wort. Sie zeigen sich erschüttert darüber, unter welchen Bedingungen Menschen mitten im Europa des 21. Jahrhunderts leben müssen.

Noch schwerer wiegen die Berichte über mutmaßliche Gräueltaten. Anwohner erzählen von Menschen, die mit gefesselten Händen und abgeschnittenen Ohren gefunden und in Minenschächte geworfen worden seien. Eine Frau schildert, wie ukrainische Soldaten in einen Keller eingedrungen seien, in dem Zivilisten mit kleinen Kindern Schutz gesucht hatten, und die Menschen dort bedroht hätten.

Ein Deserteur der ukrainischen Armee erklärt vor der Kamera, weshalb er seinen Dienst verweigerte: Er habe nicht auf Menschen schießen wollen, die er als sein eigenes Volk betrachtete.

Es sind Aussagen von Zeitzeugen. Der Dokumentarfilm gibt ihre Schilderungen wieder; sie stellen nicht automatisch einen unabhängigen Beweis für jeden einzelnen geschilderten Vorfall dar.

Der Krieg vor dem großen Krieg

Gerade darin liegt die Bedeutung der Dokumentation: Sie erinnert daran, dass der Krieg in der Ukraine eine Vorgeschichte besitzt, die mit dem russischen Einmarsch 2022 nicht begann.

Bonnel zeigte bereits 2016 zerstörte Häuser, verängstigte Zivilisten, Verletzte und Menschen, die jahrelang zwischen den Fronten lebten. Dennoch erreichte ihre Arbeit damals kein großes europäisches Publikum. Eine breite Ausstrahlung zur Hauptsendezeit und eine entsprechende Aufmerksamkeit großer westlicher Redaktionen blieben aus.

Nach 2022 dominierte in der Berichterstattung zwangsläufig die russische Invasion. Der vorausgegangene achtjährige Krieg im Donbass und die Erfahrungen der dortigen Bevölkerung gerieten dadurch jedoch zunehmend aus dem Blickfeld.

Der Journalist und ehemalige Geschäftsführer von Sud Radio, Didier Maïsto, hat Bonnels Dokumentation erneut verbreitet und ihre Arbeit als Beispiel für Journalismus hervorgehoben, der vor Ort beobachtet, berichtet und Fragen stellt.

Waren Zivilisten gezielt im Visier?

Besonders schwerwiegend ist eine Aussage eines lokalen Beamten in Bonnels Film. Er behauptet, militärische Stellungen der Milizen seien unversehrt geblieben, während umliegende Wohngebiete, Schulen und Krankenhäuser getroffen worden seien. Für ihn war dies ein Hinweis darauf, dass die Zivilbevölkerung nicht lediglich zufällig zwischen die Fronten geraten sei.

Auch die Beobachtermission der OSZE dokumentierte während des Donbass-Krieges wiederholt Beschuss und zivile Opfer.

Das beweist allerdings nicht automatisch, wer für jeden einzelnen Angriff verantwortlich war. Gerade in einem Krieg mit gegenseitigem Artilleriebeschuss ist die Zuordnung einzelner Einschläge entscheidend.

Bonnels Film vermittelt dennoch ein Bild, das in der öffentlichen Wahrnehmung des Ukraine-Krieges später nur noch selten im Mittelpunkt stand: Auch lange vor 2022 starben im Donbass Zivilisten, wurden Wohngebiete zerstört und verbrachten Menschen Monate und teilweise Jahre unter Kriegsbedingungen.

Warum die Dokumentation heute wieder massenhaft geteilt wird

Nach dem russischen Einmarsch 2022 wurde die Vorgeschichte des Konflikts von der alles überragenden Dimension des neuen Krieges verdrängt. Wer jedoch verstehen will, weshalb der Donbass bereits Jahre zuvor zu einem der gefährlichsten Konfliktherde Europas geworden war, muss auch die Ereignisse zwischen 2014 und 2022 betrachten.

Genau deshalb bekommt Bonnels Dokumentation heute eine zweite Aufmerksamkeit.

Sie zeigt nicht die Ukraine des Jahres 2022, sondern jene des Jahres 2016: ein gespaltenes Land, einen bereits laufenden Krieg und eine Zivilbevölkerung, die zwischen ukrainischen Streitkräften und pro-russischen Milizen lebte.

Dass der Film zehn Jahre später über soziale Netzwerke erneut ein großes Publikum erreicht, zeigt zugleich, wie stark das Interesse an Bildern und Zeitzeugenberichten ist, die außerhalb der täglichen Nachrichtenberichterstattung entstanden sind.

Anne-Laure Bonnel hat diese Bilder bereits 2016 aufgenommen. Heute erinnern sie daran, dass die Geschichte des Ukraine-Krieges nicht 2022 begann – und dass acht Jahre Krieg im Donbass zu seiner Vorgeschichte gehören.

Wollt ihr Krieg in der Ukraine?

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Wir sind mehr!

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