Wie
bei fast jeder Zeitumstellung flammt auch dieses Jahr die Diskussion um deren
Sinn und Zweck neu auf.
Ebenso
heftig wird darüber gestritten, für welche Zeit wir uns im Falle einer
Abschaffung dauerhaft entscheiden sollten. Ich möchte mit einem weit
verbreiteten Irrtum aufräumen und die physikalischen Hintergründe so
verständlich wie möglich erklären.
Um
das Prinzip der Zeitmessung zu verstehen, müssen wir uns vorweg über eines im
Klaren sein: Genau genommen gibt es weder einen Sonnenaufgang noch einen
Sonnenuntergang. Die Sonne bewegt sich schließlich nicht um die Erde.
Wenn
man von weit oben auf den Nordpol herabschaut, dreht sich die Erde gegen den
Uhrzeigersinn – also links herum. Durch diese Eigenrotation bewegt sich jeder
Ort auf der Erdoberfläche kontinuierlich von der unbeleuchteten Nachtseite in
die von der Sonne angestrahlte Tagseite hinein. Weil wir uns der Sonne quasi
entgegendrehen, erscheint sie für uns im Osten.
Um diesen Vorgang jedoch wissenschaftlich exakt zu betrachten, werde ich das Wort „Sonnenaufgang“ im Folgenden bewusst vermeiden.
Der
neue Tag beginnt an der internationalen Datumsgrenze im Pazifischen Ozean um
00:00 Uhr nachts. Auch das neue Jahr startet am 1. Januar genau dort. Wenn wir
von der „normalen“ Zeit sprechen, meinen wir die sogenannte Normalzeit (oft
fälschlicherweise als „Winterzeit“ bezeichnet). Den Begriff „Winterzeit“ gibt
es erst, seitdem die künstliche Sommerzeit eingeführt wurde. Die Normalzeit ist
der astronomische Standard.
Um es genauer zu beschreiben: Wenn sich die Erde so weit gedreht hat, dass an einem Ort die Sonne genau im Süden ihren höchsten Stand erreicht hat, schlagen die Sonnenuhren exakt 12:00 Uhr mittags. Das ist der reale, astronomische Mittag.
In unserer künstlichen Sommerzeit jedoch eilen unsere Uhren
der Natur voraus.
Wenn
die Erde sich am wahren Mittag befindet, zeigen unsere Uhren bereits 13:00 Uhr
an.
Und
wenn unsere Armbanduhr im Sommer 12:00 Uhr anzeigt, steht die Erde astronomisch
gesehen erst auf 11:00 Uhr.
Wir
leben also im Sommer permanent nach einer falschen Zeit.
Bei einer Abschaffung der Zeitumstellung kann es deshalb logischerweise nur eine vernünftige Option geben: Die dauerhafte Rückkehr zur Normalzeit.
Die Sommerzeit auch im Winter beizubehalten, hätte spürbare
Folgen für unseren Alltag.
Da
unsere Uhren dann eine Stunde vorgestellt blieben, würden wir laut Wecker im
Winter eine Stunde zu früh in den Tag starten. Die Sonne würde in Deutschland
im tiefsten Winter mancherorts erst gegen 09:30 Uhr aufgehen.
Das
bedeutet: Kinder müssten die ersten Schulstunden in völliger Dunkelheit
verbringen.
Auch die Temperaturen spielen eine Rolle: Die kälteste Phase der Nacht liegt oft kurz vor der Morgendämmerung – wir würden uns also mitten in der bittersten Kälte auf den Weg zur Arbeit machen.
Fehlversuche in Russland und USA
Dass eine dauerhafte Sommerzeit im Winter keine gute Idee ist, zeigt ein Blick auf reale Fehlversuche in der Vergangenheit.
Russland hat genau dieses Experiment im Jahr
2011 gewagt und die ewige Sommerzeit eingeführt.
Die Quittung folgte prompt: Die Bevölkerung litt massiv unter der extremen Dunkelheit am Morgen. Die Beschwerden über chronische Müdigkeit und Konzentrationsprobleme häuften sich so sehr, dass die Regierung bereits 2014 wieder zurückruderte und das Land dauerhaft auf die astronomische Normalzeit umstellte.
Auch die USA führten schon einmal - während der
Energiekrise 1974 - eine dauerhafte Sommerzeit ein, nahmen dies aber innerhalb
eines Jahres wieder zurück. Als Gründe werden Widerstand gegen dunkle
Wintermorgen und Sorgen um Kinder auf dem Schulweg vor Sonnenaufgang genannt.
·
Der massive Protest: Die Stimmung kippte innerhalb weniger Wochen dramatisch (die Zustimmung
stürzte von 79 % auf mickrige 42 % ab). Die Eltern liefen Sturm, weil Millionen
von Schulkindern morgens in der absoluten, stockfinsteren Nacht an den Straßen
auf ihre Schulbusse warten oder zu Fuß zur Schule gehen mussten. [1, 2, 3]
·
Die Tragödie und das schnelle Ende: Nachdem es im Januar 1974 in Florida und anderen
Bundesstaaten zu einer Reihe von schweren, teils tödlichen Verkehrsunfällen
gekommen war, bei denen Schulkinder im morgendlichen Dunkeln von Autos erfasst
wurden, reichte es der Bevölkerung. Schulen verschoben eigenmächtig den
Unterrichtsbeginn nach hinten, um die Kinder zu schützen. Der Druck auf die
Politik wurde so gigantisch, dass der Kongress das Experiment vorzeitig
abbrach. Im Oktober 1974 – also nach nicht einmal zehn Monaten – wurde das
Gesetz wieder aufgehoben und die USA kehrten im Winter zur Normalzeit zurück. [1, 2, 3, 4, 5]
· Das wissenschaftliche Fazit: Nachträgliche Untersuchungen des US-Verkehrsministeriums zeigten zudem, dass die erhoffte Energieeinsparung durch die dauerhafte Sommerzeit im Winter quasi nicht messbar bzw. völlig unbedeutend war. [1]
Dieses US-Beispiel aus dem Jahr 1974 ist neben dem russischen Versuch von
2011 der perfekte, unumstößliche Beweis für die Argumentation gegen eine
dauerhafte Sommerzeit: Wenn man die Uhren im Winter künstlich verstellt, zwingt
man eine Gesellschaft dazu, mitten in der biologischen Nacht aktiv zu werden –
mit fatalen Folgen für die Sicherheit und Gesundheit. [1, 2, 3]
Verlängerung der morgendlichen Dunkelzeit um viele Wochen.
Eine dauerhafte Sommerzeit verlängert nicht nur die Dunkelheit an einem einzelnen Tag um eine Stunde – sie sorgt dafür, dass sich die Phase der extremen, tiefschwarzen Wintermorgende über viele zusätzliche Wochen im Herbst und im Frühling erstreckt.
Das lässt sich physikalisch ganz einfach erklären:
Das „Wochen-Szenario“ am Beispiel von Berlin / Deutschland
Nehmen wir an, die kritische Grenze für einen „akzeptablen“ Schul- oder
Arbeitsweg ist, wenn es um 08:00 Uhr morgens zumindest schon dämmert
oder hell ist.
Aus den 6 Wochen im Dunkeln
werden plötzlich fast 5 Monate (ca. 20 Wochen).
Weitere Forschungen
Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Scheitern Socher „Sommerzeit-Versuche“ kaum verwunderlich, denn große Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) oder renommierte Chronobiologen wie Prof. Till Roenneberg warnen seit Jahren vor den Folgen einer dauerhaften Sommerzeit. In offiziellen Stellungnahmen und aktuellen internationalen Studien (wie im Canadian Medical Association Journal) weisen Forscher nach, dass uns das künstlich verschobene Morgenlicht biologisch schadet: Es führt zu chronischem Schlafmangel, schlechterer Konzentration bei Schulkindern und einem erhöhten Krankheitsrisiko.
Am
Ende können wir an den Zeigern drehen, wie wir wollen: Die Natur lässt sich
nicht austricksen. Wenn die Diskussion um die Abschaffung der Zeitumstellung
also das nächste Mal losgeht, gibt es eigentlich nur eine logische Entscheidung
– zurück zur Normalzeit, der echten Zeit unserer Erde.
Weitere Quellen und wissenschaftliche Hintergründe zu diesem Artikel:
https://www.br.de/nachrichten/bayern/sommer-oder-winterzeit-umstellung-was-ist-gesuender,VXG4qRX
https://www.forschung-und-lehre.de/lehre/schlechtere-konzentration-bei-dauerhafter-sommerzeit-1011
https://www.dgsm.de/fileadmin/dgsm/stellungnahmen/2018_Sommerzeit%20_2018.pdf
https://en.wikipedia.org/wiki/Sunshine_Protection_Act
...
·
Deutsche Gesellschaft für
Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM):
Stellungnahme zur Zeitumstellung. Die
Fachgesellschaft plädiert aus medizinischen Gründen vehement für die
Beibehaltung der astronomischen Normalzeit (Winterzeit), um chronischen
Schlafmangel und biologischen Dauer-Jetlag zu verhindern.
·
European Sleep Research Society
(ESRS): Gemeinsames Positionspapier der europäischen
Schlafforschung. Eine klare wissenschaftliche Empfehlung für die dauerhafte
Einführung der Standardzeit (Normalzeit) in Europa zum Schutz der
Volksgesundheit.
·
Prof. Dr. Till Roenneberg
(Chronobiologe, LMU München): Studien
und Fachpublikationen zur inneren Uhr. Führende Forschungen darüber, wie
die künstliche Sommerzeit im Winter zu einem dauerhaften Defizit an wichtigem
morgendlichen Tageslicht führt, was Schulkinder und Berufstätige besonders
belastet.
·
Canadian Medical Association
Journal (CMAJ): Metastudie zur permanenten Sommerzeit.
Internationale Untersuchungen (u. a. durch das Team um den Schlafforscher
Raymond Lam), die belegen, dass eine dauerhafte Sommerzeit zu messbar
schlechteren schulischen Leistungen, geringerer Produktivität und
gesundheitlichen Einbußen führt.
·
Das „Russland-Experiment“
(2011–2014): Historisches Praxisbeispiel für das Scheitern
einer ewigen Sommerzeit. Nach massiven Bürgerbeschwerden über die extreme
morgendliche Dunkelheit im Winter und die daraus resultierende Müdigkeit
stellte die Regierung das Land per Gesetz wieder dauerhaft auf die Normalzeit
um.
Rüdiger
Janson
EDEN
2610



