Die Ukraine vor 2022: Französische Journalistin dokumentierte einen Krieg, der im Westen kaum zu sehen war
Ein Dokumentarfilm der französischen Journalistin Anne-Laure Bonnel über den Krieg im Donbass wird derzeit erneut massenhaft in den sozialen Medien geteilt. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2016 – sechs Jahre vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine – und zeigen eine Realität, die in der späteren westlichen Berichterstattung über den Konflikt weitgehend in den Hintergrund rückte.
Bonnel reiste selbst an die Front im Osten der Ukraine. Sie sprach mit Bewohnern, Ärzten, Soldaten und Augenzeugen und dokumentierte die Folgen eines Krieges, der nicht erst am 24. Februar 2022 begann.
Ein Krieg, der bereits 2014 begann
Der bewaffnete Konflikt im Donbass begann 2014. Nach dem Machtwechsel in Kiew eskalierte die Lage im Osten des Landes. Pro-russische Milizen und ukrainische Regierungstruppen standen sich in einem blutigen Krieg gegenüber, der in den folgenden Jahren mehr als zehntausend Menschen das Leben kostete.
Am 14. November 2014 machte der damalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko in einer Rede in Odessa deutlich, wie tief die Spaltung des Landes inzwischen geworden war. Der von Separatisten kontrollierte Osten wurde faktisch immer stärker vom übrigen Land isoliert.
Bonnels Dokumentation setzt genau dort an.
Menschen leben monatelang in Kellern
Ihre Kamera zeigt keine geopolitischen Planspiele, sondern den Alltag der Menschen im Kriegsgebiet.
Bewohner berichten davon, monatelang ohne Wasser und Strom in Kellern gelebt zu haben. Ein Arzt aus Pervomajsk schildert den täglichen Beschuss und spricht von Treffern auf Krankenhäuser, Schulen und Wohngebiete.
Auch Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen kommen zu Wort. Sie zeigen sich erschüttert darüber, unter welchen Bedingungen Menschen mitten im Europa des 21. Jahrhunderts leben müssen.
Noch schwerer wiegen die Berichte über mutmaßliche Gräueltaten. Anwohner erzählen von Menschen, die mit gefesselten Händen und abgeschnittenen Ohren gefunden und in Minenschächte geworfen worden seien. Eine Frau schildert, wie ukrainische Soldaten in einen Keller eingedrungen seien, in dem Zivilisten mit kleinen Kindern Schutz gesucht hatten, und die Menschen dort bedroht hätten.
Ein Deserteur der ukrainischen Armee erklärt vor der Kamera, weshalb er seinen Dienst verweigerte: Er habe nicht auf Menschen schießen wollen, die er als sein eigenes Volk betrachtete.
Es sind Aussagen von Zeitzeugen. Der Dokumentarfilm gibt ihre Schilderungen wieder; sie stellen nicht automatisch einen unabhängigen Beweis für jeden einzelnen geschilderten Vorfall dar.
Der Krieg vor dem großen Krieg
Gerade darin liegt die Bedeutung der Dokumentation: Sie erinnert daran, dass der Krieg in der Ukraine eine Vorgeschichte besitzt, die mit dem russischen Einmarsch 2022 nicht begann.
Bonnel zeigte bereits 2016 zerstörte Häuser, verängstigte Zivilisten, Verletzte und Menschen, die jahrelang zwischen den Fronten lebten. Dennoch erreichte ihre Arbeit damals kein großes europäisches Publikum. Eine breite Ausstrahlung zur Hauptsendezeit und eine entsprechende Aufmerksamkeit großer westlicher Redaktionen blieben aus.
Nach 2022 dominierte in der Berichterstattung zwangsläufig die russische Invasion. Der vorausgegangene achtjährige Krieg im Donbass und die Erfahrungen der dortigen Bevölkerung gerieten dadurch jedoch zunehmend aus dem Blickfeld.
Der Journalist und ehemalige Geschäftsführer von Sud Radio, Didier Maïsto, hat Bonnels Dokumentation erneut verbreitet und ihre Arbeit als Beispiel für Journalismus hervorgehoben, der vor Ort beobachtet, berichtet und Fragen stellt.
Waren Zivilisten gezielt im Visier?
Besonders schwerwiegend ist eine Aussage eines lokalen Beamten in Bonnels Film. Er behauptet, militärische Stellungen der Milizen seien unversehrt geblieben, während umliegende Wohngebiete, Schulen und Krankenhäuser getroffen worden seien. Für ihn war dies ein Hinweis darauf, dass die Zivilbevölkerung nicht lediglich zufällig zwischen die Fronten geraten sei.
Auch die Beobachtermission der OSZE dokumentierte während des Donbass-Krieges wiederholt Beschuss und zivile Opfer.
Das beweist allerdings nicht automatisch, wer für jeden einzelnen Angriff verantwortlich war. Gerade in einem Krieg mit gegenseitigem Artilleriebeschuss ist die Zuordnung einzelner Einschläge entscheidend.
Bonnels Film vermittelt dennoch ein Bild, das in der öffentlichen Wahrnehmung des Ukraine-Krieges später nur noch selten im Mittelpunkt stand: Auch lange vor 2022 starben im Donbass Zivilisten, wurden Wohngebiete zerstört und verbrachten Menschen Monate und teilweise Jahre unter Kriegsbedingungen.
Warum die Dokumentation heute wieder massenhaft geteilt wird
Nach dem russischen Einmarsch 2022 wurde die Vorgeschichte des Konflikts von der alles überragenden Dimension des neuen Krieges verdrängt. Wer jedoch verstehen will, weshalb der Donbass bereits Jahre zuvor zu einem der gefährlichsten Konfliktherde Europas geworden war, muss auch die Ereignisse zwischen 2014 und 2022 betrachten.
Genau deshalb bekommt Bonnels Dokumentation heute eine zweite Aufmerksamkeit.
Sie zeigt nicht die Ukraine des Jahres 2022, sondern jene des Jahres 2016: ein gespaltenes Land, einen bereits laufenden Krieg und eine Zivilbevölkerung, die zwischen ukrainischen Streitkräften und pro-russischen Milizen lebte.
Dass der Film zehn Jahre später über soziale Netzwerke erneut ein großes Publikum erreicht, zeigt zugleich, wie stark das Interesse an Bildern und Zeitzeugenberichten ist, die außerhalb der täglichen Nachrichtenberichterstattung entstanden sind.
Anne-Laure Bonnel hat diese Bilder bereits 2016 aufgenommen. Heute erinnern sie daran, dass die Geschichte des Ukraine-Krieges nicht 2022 begann – und dass acht Jahre Krieg im Donbass zu seiner Vorgeschichte gehören.



